Rückblick: Performance-Workshop

interdisziplinärer Performance-Workshop

meine_Kunst_in_mir

Was ich mir selbst Unbekanntes in mir trage, das macht mich erst aus.
Was ich an Ungeschick, Ungewissem besitze, das erst ist mein eigentliches Ich.

Meine Schwäche, meine Hinfälligkeit.
Meine Mängel sind meine Ausgangsstelle.
Meine Ohnmacht ist mein Ursprung.
Meine Kraft geht von euch aus.
Meine Bewegung geht von meiner Schwäche zu meiner Stärke.
Meine wirkliche Armut erzeugt einen imaginären Reichtum: und ich bin diese Symmetrie;
ich bin das Tun, das meine Wünsche zunichte macht.
(Paul Valéry, Monsieur Teste)

Ein Rückblick von Philipp Kühn

„Formen_Transformen_Performen: Über das Durchdringen, Verwandeln und Überschreiten von Grenzen innerhalb und zwischen künstlerischen Gattungen und Konzepten.“ Initiiert von Dominik Schiefner, vom Fachbereich Schauspiel, wurde eine Werksatt der Interdisziplinarität geschaffen, in der Künstler aus verschiedenen Fachbereichen in den Austausch treten konnten.

Unter diesem Titel stand der Performance Workshop von Roland Matthies, den ich, als einer von 14 Teilnehmern, besucht habe. Vom 04.-08.04.2017 beschäftigten wir uns mit Kunst und der Ästhetik verschiedener Formen des Alltags und des Lebens, dargestellt durch menschliche Bewegungen und somit mit uns als Menschen in unseren elementarsten Formen. Vorab kann ich sagen, dass ich viele spannende Charaktere aus verschiedenen Bereichen sowie Studiengängen der Alanus Hochschule getroffen habe. Schauspieler, Bildhauer, Eurythmisten und ein Philosoph bewiesen eindrucksvoll durch ihre Vielseitigkeit, die Gemeinsamkeit aller in der Kunst.

Für mich persönlich stellte Kunst vor diesen 4 Tagen keine große Rolle in meinem Leben dar.
Ich wusste nicht wirklich etwas mit Künsten anzufangen, da ich mich bis dato selbst nicht als Künstler beschreiben konnte und wollte. Doch einmal mehr habe ich bei Roland gelernt, wie positiv Erfahrungen wirken, die erst grundlos erscheinen aber dennoch sinnvoll sind und damit mein Leben in seiner Substanz bereichern konnten.

interdisziplinärer Perfomance Workshop

Roland Matthies

Durch verschiedene Übungen und Praktiken hat Roland jeden Einzelnen, und uns als Gruppe, näher an unsere Kunst heran geführt. Durch archetypische Bewegungsabläufe, wie den olympischen Disziplinen aus dem antiken Griechenland, wurde uns Teilnehmern die Schönheit in der Basis, der Einfachheit und der Kleinteiligkeit vermittelt. Dieses Gefühl gab mir die Möglichkeit, über die Bühne hinaus, auch in meinem Alltag, in vielen kleinen Bewegungen und Begegnungen Kunst zu sehen und zu erleben.

Auch war die Übung zur Evolution des Menschen ein exemplarisches Beispiel für unsere Arbeit mit der Kunst der Performance. Die einzelnen Schritte der menschlichen Entwicklung, angefangen vom Boden, dann stehend, laufend, den Raum wahrnehmend, springend, die Umgebung wahrnehmend, die Enge der Umgebung, den Kampf um den Raum und schlussendlich die Balance zwischen Freiheit im Raum und Eingrenzung des Raums durch externe Faktoren. Dies alles konnten wir in einer ungeheuren Intensität spüren, ausprobieren und erfahren.

Besonders spannend waren die Reflexionen in der Gruppe nach jeder performativen Einheit. Die Gedanken und Gefühle, die jeder Einzelne in der Gruppe hatte, konnten geteilt werden und zeigten uns gegenseitig neue Perspektiven auf, ermutigten oder bremsten uns und gaben uns allen die Chance, eine Menge über uns selbst zu lernen.

Abschließend möchte ich noch gerne den Steinwurf, eine der Etüden von Jacques Lecoqs performativen Lehre, beschreiben, da dieser mich besonders geprägt hat:

Intension (Zielsuche) – Vorbereitung (Steinsuche) – Entscheidung (Steinwurf JA/NEIN) – Nachklang

Bei dieser Übung ging es darum, dass wir einen imaginären Stein werfen sollten, um die verschiedenen Stufen der Etüde zu erleben.

Ich möchte diese Herangehensweise gerne mit Christoph Kolumbus in Verbindung bringen: Dieser hatte die Intention, einen neuen Weg nach Indien zu finden. Er begab sich auf die Suche und entdeckte Amerika.
Verbunden mit dem Ablauf der Etüde des Steinwurfs wird deutlich, dass es wichtig ist, große Ziele zu haben, denn sie treiben uns an. Doch genau so wichtig ist es, offen für das Schöne und Neue auf dem Weg dorthin zu sein und sich somit der Möglichkeiten auf dem Weg zum Ziel bewusst zu werden, um sich nicht gegen das große Ziel, sondern für die neuen Möglichkeiten entscheiden zu können.
Vielleicht ist dies eine Chance, dass so jeder Einzelne sein ganz persönliches Amerika entdeckt.

Nach diesen aufregenden und aufreibenden Tagen kann ich für mich ganz persönlich sagen, dass ich meine Kunst in mir gefunden habe. Sie war schon immer da, denn Kunst ist menschlich. Doch erst Roland, alle anderen Künstler und das absolut bewusste Spüren meiner Selbst als Mensch in der Performance, haben mir meine Kunst zum ersten Mal in meinem Leben bewusst machen können.

 

Rückblick: Performance-WorkshopKaren Gauler
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