Projekt zum Rheumapreis 2016

Studierende des 3. Jahrgangs mit René Harder beim Rheumapreis 2016

Studierende des 3. Jahrgangs mit René Harder beim Rheumapreis 2016

Auch in diesem Jahr begeisterten die Studierenden des dritten Jahrgangs mit ihrem künstlerischen Beitrag zur Verleihung des deutschen Rheumapreises am 11.10.2016 in Berlin. Lesen Sie folgend einen Erfahrungsbericht von Asya Pritchard, Studentin des 3. Studienjahres:

„Berlin. Ein grauer, herbstlicher Sonntagnachmittag. Wir, die Studierenden des dritten Jahres im Fachbereich Schauspiel, sitzen in einem in einem italienischen Restaurant und essen Mittag mit Stephan Hölzer –  Mitorganisator  des deutschen Rheuma-Preises. Gerade haben wir im Berliner Theaterhaus erfolgreich unsere Performance geprobt, die wir in zwei Tagen aufführen sollten.

Was zunächst eine belanglose Unterhaltung am Essenstisch war, entpuppte sich plötzlich als ein intensiver Austausch über die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Menschen. Ich, eher passiv als aktiv an der Konversation beteiligt, wunderte mich darüber, wie viele meiner Kommilitonen sich nach und nach „outeten“ und seit ihrer Kindheit Allergien oder sonstige Defizite mit sich herumtragen. Sei es Asthma, Neurodermitis oder Stoffwechselstörungen, sie sind subtil und dennoch beständig.

Hinterher stellte sich heraus, dass sich einige meiner Kollegen bei dem Gespräch unwohl fühlten. Gerade während des Essens wollten sie weder darüber reden noch darüber hören. Ich empfand es jedoch als höchst interessant und relevant. Wann denn dann? Denn genau darum ging es in unserer Performance – Absolut jeden kann es treffen in dem banalen Rhythmus des Alltags. Es zu zu lassen und damit umzugehen ist hierbei das Entscheidende.

Das haben wir unter der künstlerischen Leitung von Prof. René Harder in einer Menuett-Choreographie mit Menuett-Gesangseinlage umgesetzt. Bereits in unserem Klassikprojekt am Ende des zweiten Studienjahres „Shakespeares Sommernachtstraum“ haben wir Menuett gesungen und getanzt, allerdings in den Figuren der Hofgesellschaft. Was diese jedoch mit uns Menschen der heutigen Zeit gemeinsam hat, ist die Ideologie, unangreifbar zu sein. Konfrontiert man diese beispielsweise mit der Diagnose: Rheuma, kommt folgende Performance zustande.

Stark modelliert und im Staccato stellten wir also den Alltag dar. Während ich die vorgegebenen Bewegungen ausgeführt und meiner Tanzpartnerin mit auffällig aufgesetztem Lächeln zu gesungen habe, habe ich diese Wirkung in mir selbst gespürt. Schnell kamen mir persönlich die Bewegungsabfolgen in den Proben nervig vor, was gar nicht so entfernt von der eigentlichen Wirkung des Alltags schien. Das durfte sich aber keiner auch nur eine Sekunde anmerken lassen. Souveränität ist hier das Stichwort: Solange die Töne getroffen wurden, sodass es schon einem einstudierten Grundschulchor ähnelte und die Tanzschritte an übereifrige Ballettschüler erinnerten, bekamen die zerstreut auf dem Boden liegenden, schwarzen Krücken den gewünschten Effekt: eine zunächst subtile Irritation.

Eine für mich herausfordernde Stelle war die daraufhin folgende: Das komplette Menuett kommt nach der zweiten Wiederholung ins Stocken und die Beschwerden, Schmerzen und Krämpfe treten ein. Ursprünglich waren diese abstrakt in Form eines großen, roboter-artigen Zuckens inszeniert.

Als wir dies jedoch Stephan Hölzer gezeigt haben, überraschte mich seine direkte Antwort: „Das könnt ihr ruhig echter darstellen.“ Sobald wir diese Anregung umgesetzt haben, wurde der Kontrast zwischen Kontrolle und Kontrollverlust deutlicher. Die Idee der konstanten Kontrolle über seinen Körper wurde gar in Frage gestellt. Nach und nach setzen wir mit unangenehmen Geräuschen ein, die an Knacken, Knarren und Stöhnen erinnerten und unsere Körperhaltungen veränderten sich. Wir gingen in die Knie, griffen nach den Krücken, mobilisierten unsere Hüftgelenke und bewegten uns „elfenhaft“ – das gegensätzliche Element, das wir aus „Shakespeares Sommernachtstraum“ übernommen hatten. Wir verlagerten das Gewicht auf die Fußballen, ließen langsame und schnelle Impulse aus der Hüfte entstehen, bewegten unseren Kopf schlangenartig und kreisten unsere Handgelenke umher. Die Bewegungsqualität wurde fließender, graziler, hatte aber auch etwas Freches. Interessanterweise fühlte sich für mich der Körper in dieser Haltung spontaner und aufgeladener an, obwohl in diesem choreographischen Teil das Element der Krankheit hinzukam. Gerade da liegt wohl der springende Punkt: Der dynamische Teil der Performance fing gerade erst an. Erst jetzt bekam sie einen Rhythmus, der den scheinbaren Rhythmus des Alltags durchbricht und ablöst. Sowohl das Menuett als auch der Elfentanz wurden von Ilona Pászthy choreographisch erstellt und mit Prof. Dominik Schiefner musikalisch einstudiert.

An dieser Stelle bewegte ich mich zum Schlagzeug, worauf ich den erwähnten Rhythmus gleich spielen würde. Dabei hatte ich den dramaturgischen Einfall, mich auf einen Rollstuhl zu setzen, statt einen gewöhnlichen Schlagzeughocker zu benutzen. Diese Idee wurde aber abgelehnt, was für mich im Nachhinein erst Sinn ergeben hat. Für Authentizität zu sorgen und so viel wie möglich „echt darzustellen“, kann in dem Sinne auch nach hinten losgehen. Zwar hätte das Bild optisch interessant und logisch gewirkt, aber dann würde dem Zuschauer schnell klar werden, dass jemand, der einen Rollstuhl benötigt, keine Base-Drum mit dem Fuß bedienen kann. Somit hatte ich als Schauspielerin etwas dazu gelernt.

Was ich ebenfalls dazugelernt habe und was sich zunächst merkwürdig anhören mag, ist die Gemeinsamkeit zwischen Rheumatiker und Schauspieler. Diese liegt nämlich meiner Meinung nach in der erweiterten Körperwahrnehmung. Ein Stichpunkt, der mir in einer Rede im späteres Verlauf des Abends im Sinn geblieben ist, ist: Bewegung, Begegnung, Beratung. Selbstverständlich sind die Umstände als verschieden zu betrachten, aber die Schnittpunkte bleiben die selben: Genau so, wie der Rheumatiker ein neues Körperbewusstsein bekommt, seine Bewegungen geführter und bewusster ausführt, so tut dies der Schauspielstudent auch. So, wie der Schauspielstudent mit den Begegnungen von Gleichgesinnten arbeitet und diese etwas in ihm bewirken, so ist es bei dem Rheumatiker ebenfalls. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb wir sogar eine Zuschauerin mit unserer Performance zu Tränen gerührt haben, wie wir im Nachhinein von Stephan Hölzer erfuhren…“

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